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Gesellschaft für Evangelische Theologie (GET)

Erklärung zum Krieg in Afghanistan

Seit mehreren Wochen führen die USA mit Unterstützung zahlreicher Staaten unterschiedlicher geographischer und kultureller Herkunft Krieg in Afghanistan. Auch die Regierung der Bundesrepublik Deutschland hat ihre uneingeschränkte Solidarität mit den USA und ihrer politischen Führung erklärt. Die Entwicklung der Ereignisse und insbesondere die wachsende Zahl der Opfer der militärischen Aktionen veranlassen den Vorstand der Gesellschaft für Evangelische Theologie, sich öffentlich zu Wort zu melden und einen sofortigen Abbruch der Militäraktionen zu fordern. Wir rufen zu einer sofortigen Beendigung der Militäraktionen auf, obwohl wir uns der Argumente bewusst sind,

  • dass die Militäraktionen eine Reaktion auf den furchtbarsten Terroranschlag sind, den die Welt bisher erlebt hat
  • dass dieses Verbrechen internationale Verfolgung sowie Ergreifung und angemessene Bestrafung der Täter verlangt
  • dass der UNO-Sicherheitsrat militärische Maßnahmen der USA als Selbstverteidigungsmaßnahmen für legitim erklärt hat
  • dass das Taliban-Regime in Afghanistan Terrorismus unterstützt und sich schwerer Verletzungen an den Menschenrechten schuldig gemacht hat.

 

Dennoch appellieren wir dringend an die Bundesregierung, ihr internationales Gewicht für ein Ende der massiven militärischen Aktionen einzusetzen.

Von den ethischen Überzeugungen der christlichen Tradition her sehen wir uns zu diesem Appell veranlasst,

  • weil sowohl vom Standpunkt eines christlichen Pazifismus her, als auch von dem Maßstab der traditionellen Kriterien des „gerechten Krieges“ die gegenwärtigen Maßnahmen militärischer Gewaltanwendung nicht zu rechtfertigen sind
  • weil die zivilen Opfer in der Region schon jetzt jedes hinnehmbare Maß bei weitem übersteigen
  • weil der Einsatz heimtückischer Waffen wie Streubomben nicht nur jetzt unschuldiges Leben grausam tötet, sondern auch in der Zukunft für lange Zeit unverantwortliche Risiken für die Zivilbevölkerung mit sich bringt
  • weil in keiner Weise erkennbar ist, dass die völkerrechtlich legitimen Ziele, die angestrebt werden, durch die gegenwärtigen Militärmaßnahmen erreicht werden können
  • weil die Militärmaßnahmen immer mehr Menschen einem gewaltbereiten Islamismus zutreiben und die Entwicklung eines friedlichen Zusammenlebens der Religionen zunehmend erschweren
  • weil sie die Gefahr zukünftiger terroristischer Gewaltakte eher erhöhen als vermindern
  • weil sie nichts dazu beitragen, durch die Verminderung von Armut und Ungerechtigkeit den Nährboden für Fanatismus und Gewaltbereitschaft auszutrocknen

Der Vorstand der Gesellschaft für Evangelische Theologie bittet deren Mitglieder, die Verantwortlichen in den Kirchen und alle Christinnen und Christen in der Öffentlichkeit für das sofortige Ende der Militäraktionen und für eine an Menschenrechten orientierte internationale Rechtskultur einzutreten. Nur so wird der Weg frei für wirksame Anstrengungen zur Bekämpfung des Terrorismus und der ihm zugrunde liegenden Konflikte.

Kassel, 1. November 2001

Dr. Rudolf Weth (Vorsitzender), PD Dr. Heinrich Bedford-Strohm (V.i.S.d.P., Tel. 09561/200576), Pfarrer Uwe Dittmer, Propst i.R. Dr. Heino Falcke, Dr. Magdalene L. Frettlöh, Hannelore Hansch, Prof. Dr. Christian Link, Prof. Dr. Ulrike Link-Wieczorek, Prof. Dr. Thomas Naumann, Dr. Gerdi Nützel, Sup. Marion Obitz