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Gesellschaft für Evangelische Theologie (GET)

Öffentliche Erklärungen der Gesellschaft für evangelische Theologie (1984)

50 Jahre nach der Theologischen Erklärung von Barmen

Bekennende Kirche werden - Barmer Bekenntnis heute

Wir verstehen die Barmer Theologische Erklärung als Zeugnis der Bekennenden Kirche im Kirchenkampf auf ihre alleinige Grundlage Jesus Christus, dem als zweiter Schritt notwendig die Konkretisierung in der Praxis des kirchlichen und politischen Lebens folgen muß. Wir sind dankbar für die während des Kirchenkampfes erfolgten Schritte auf diesem Weg, auf dem wir auch in der Nachkriegszeit versucht haben weiter zu gehen. Wir erinnern an das Darmstädter Wort 1947, die Frankfurter Erklärung der kirchlichen Bruderschaft 1958 und das Friedenswort des Moderamens des Reformierten Bundes 1982.

Die Barmer Theologische Erklärung nötigt uns, auf die uns heute gestellten Herausforderungen dem Zeugnis von Jesus Christus dem Herrn entsprechend zu antworten. Darum haben wir

  • das Zeugnis von Barmen I auf das Verhältnis von Kirche und Israel,
  • das Zeugnis von Barmen III auf den Zusammenhang zwischen Verelendung der Dritten Welt und dem Weltwirtschaftssystem,
  • das Zeugnis von Barmen II und V auf das Friedenszeugnis der Kirche angesichts der Massenvernichtungsmittel und auf das Verhalten der Christen in der rechts- und sozialstaatlichen Demokratie

im Anschluss an die entsprechenden Vorträge in Arbeitsgruppen bedacht. Die folgenden vier Abschnitte wurden auf Grund der Ergebnisse der Arbeitsgruppen und der Plenumdiskussion am Schluss der Tagung formuliert. Wenn auch Einzelheiten strittig blieben, haben die Teilnehmer der Tagung diese Verlautbarungen der Sache nach fast einstimmig angenommen. Bischof Scharf bat ausdrücklich, seine Zustimmung zu vermerken. Wir bitten nun unsere Gemeinden, Synoden und Kirchenleitungen, mit uns weiterzudenken und die heute notwendigen Entscheidungen zu wagen.

I. Israel und Kirche

Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe, du sollst keine anderen Götter haben mir zum trotz. Ex 20,2

Das Heil kommt von den Juden. Joh 4,22

  1. Der Jude Jesus Christus ist der für Israel und die Völker gekreuzigte und auferweckte Herr. Er ist das eine Wort Gottes, wie es uns in der Heiligen Schrift des Alten und des Neuen Testamentes bezeugt ist.

Als der Messias Israels und der Versöhner der Welt ist Jesus Christus nicht vom messianischen Gottesvolk der Juden zu trennen. Das ökumenische Gottesvolk der Kirch hat das ursprüngliche Bundesvolk der Juden weder überholt noch ersetzt. Gott bleibt seiner Erwählung treu. Darum: Wer Israel verwirft, verwirft die Treue Gottes. Die in Barmen II abgewiesene Lehre von einer „natürlichen Offenbarung“ war und ist eine wesentliche Wurzel für die verschiedenen Formen des Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft („Volksarm“, „Rasse“ u. a.).

Wir wollen mit diesen Sätzen Barmen I konkretisieren und von Barmen her den zweiten Schritt tun, der vor allem von Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und anderen bereits während des Kirchenkampfes von der Christologie her vollzogen worden ist. Wir verweisen auf das Wort der Rheinischen Synode zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden 1980, die Erklärung der Badischen Landessynode zu Israel und Kirche 1980, das Votum des Theologischen Ausschusses der EKU zu Barmen III über „Kirche und Israel“ 1981 und die Beschlüsse der Evangelisch-Reformierten Kirche in Nordwestdeutschland 1982/3.

  1. Angesichts dieser Erkenntnisse wollen wir umkehren von allen antijudaistischen Bindungen und Vorurteilen in christlicher Theologie und kirchlicher Praxis, durch die wir den gesellschaftlichen Antisemitismus gefördert und uns so als Kirche an der Bedrohung, Unterdrückung und physischen Ausrottung bis zur Ermordung von 6 Millionen Juden mitschuldig gemacht haben. Indem wir umkehren, erfahren wir, dass die Kirche nicht nur auf das Christuszeugnis des Alten Testamentes, sondern auch auf das Eigenzeugnis des Volkes der Erwählung, des Zeugen der messianischen Hoffnung und der Heiligung des Namens angewiesen ist.
  2. Mit ihrem gemeinsamen Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer Himmels und der Erde und aufgrund ihrer gemeinsamen Hoffnung auf die Verheißungen und die kommende messianische Welt Gottes sind Juden und Christen zur Mitarbeit bei der Bewahrung der Schöpfung und beim Aufbau einer durch Recht, Gerechtigkeit und Frieden bestimmten Weltgesellschaft berufen. Denn das Judentum „gründet sich in seiner Hoffnung auf denselben Gegenstand, der auch Grund unserer (der Christen) Hoffnung ist, nämlich auf das Kommen des Messias und die Verheißungen Gottes“ (Karl Barth).
  3. Deshalb bitten wir Gemeinden und Synoden, Nachfolgegruppen und Kirchen sich mit allen Formen des Antijudaismus in Theologie und Kirche, Verkündigung und Religionspädagogik auseinanderzusetzen, dem Wiederaufleben des Antisemitismus in unserer Gesellschaft zu widerstehen, gegen den undifferenzierten Antizionismus aufzustehen, der Israel eine freie und unabhängige Existenz abspricht, sensibel zu werden für die Leidens- und Hoffungsgeschichte des jüdischen Volkes und sich für Frieden zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn einzusetzen. Von der Schuld des deutschen Volkes und der Mitschuld der Kirche an Auschwitz her erscheint es uns unerträglich, dass durch Waffenlieferungen aus der Bundesrepublik Deutschland deutsche Waffen erneut gegen die Überlebenden des Holocaust und ihre Kinder eingesetzt werden könnten.

II. Ökumene und Weltwirtschaftsordnung

Die Erde ist des Herrn. Ps 24,1

Lasset uns aber rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus, von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist. Eph 4,15.16

  1. Jesus Christus ist der Herr der Welt und das Haupt der Kirche. Im Hören auf das Evangelium werden wir gewiss, dass er die Mächte dieser Welt überwunden hat. Im Abendmahl schenkt sich uns Jesus Christus und in den Armen erwartet er uns. Darum ist seine eucharistische Gemeinschaft nicht zu trennen von der Gemeinschaft mit seinen geringsten Brüdern und Schwestern (Mt 25,31-46; 1 Kor 13,17-34). Die These III der Barmer Theologischen Erklärung weist uns heute in die ökumenische Gemeinschaft aller Christen und in die ökumenische Solidarität mit den Armen und Hungernden der Erde.
  2. Wir hören den Ruf zur Umkehr in unseren Bindungen an das herrschende Weltwirtschaftssystem (West und Ost). Es ist dem rassistischen Apartheidsystem vergleichbar. Als Erbe des alten europäischen Kolonialismus verelendet es heute zunehmend eine Mehrheit von Völkern und die Mehrheit der Menschen in den Völkern. Es schafft strukturelle Arbeitslosigkeit. Er fördert politische Unterdrückung und die Verletzung der Menschenrechte um des Profits willen. Es ist eine der Hauptgründe dafür, dass jährlich mehr Menschen an den Folgen des Hungers sterben, zur Zeit schon über 30 Millionen.
  3. Wir suchen die Zukunft und das Leben in der Gemeinschaft Jesus Christi. Sie macht uns zum Teilen und Teilnehmen bereit. Sie führt uns in die Solidarität mit dem armen Volk. Sie drängt uns, wirtschaftliche und politische Macht gerecht unter die Völker zu verteilen. Wir suchen dabei auch die solidarische Zusammenarbeit mit allen, die – oft von der Kirche verlassen – den Kampf um eine bessere Gerechtigkeit aufgenommen haben.
  4. Um Christus wie in Wort und Sakrament so auch in ihrer Ordnung (Barmen III) und in ihrer Lebensform zu bezeugen, schlagen wir vor, dass die Kirche ihre Finanzstruktur aus der Anpassung an Staat und Gesellschaft löst und nach eigenen Gesichtspunkten regelt, ein einheitliches Dienstrecht einführt und schrittweise einen ökumenischen Lastenausgleich beginnt.

Weil die Arbeit der großen, multinationalen Konzerne weder von nationalen noch von internationalen politischen Institutionen auf ihren Nutzen für das Gemeinwohl hin kontrolliert werden kann, sollten die Kirchen und die christlichen Gruppen ökumenische Netzwerke zu ihrer kritischen Beobachtung schaffen und alles unterstützen, was effektive Kontrollmechanismen schafft.

III. Das Friedenszeugnis der Kirche angesichts der Massenvernichtungsmittel

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk weder das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht lernen, Kriege zu führen. Micha 4,3.

Selig sind die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Mt 5,9.

  1. Im Glauben an Gott den Schöpfer, Erhalter und Erlöser verwerfen wir die Einbeziehung von Massenvernichtungsmitteln in den Gebrauch staatlicher Machtandrohung und Machtausübung, weil sie unvereinbar ist mit der Aufgabe des Staates für Recht und Frieden zu sorgen (Barmen V).
  2. Es ist ein Dienst für das Leben dieser tödlich bedrohten Welt, wenn Christen im Verzicht auf die vermeintliche Sicherheit durch Massenvernichtungsmittel vorangehen. Angesichts des faktischen Vorhandenseins dieser Massenvernichtungsmittel treten wir für eine Politik ein, die auf ihre Änderung zielt und diese Ächtung in diejenigen Artikel das Grundgesetzes aufnimmt, die der Mehrheitsentscheidung entzogen sind (das „Unabstimmbare“). Wir setzen uns für die Schaffung von atomwaffenfreien Zonen ein. Wir befürworten eine Umkehrung des Rüstungswettlaufs durch verantwortbare, einseitige Vorleistungen. Wir lehnen den Export von Rüstungsgütern ab.
  3. Wir sehen in der Kriegsdienstverweigerung „das deutlichere Zeichen“ des christlichen Friedensauftrags. Für diejenigen, die gegen die Stationierung von Massenvernichtungsmitteln in unserem Land gewaltfreien Widerstand leisten, bitten wir unsere Gemeinden, Synoden und Kirchenleitungen um besonderen Schutz und aktive Unterstützung. Wir bitten um Kirchenleitungen, den Militärseelsorgevertrag mit dem Ziel zu überprüfen, die Militärseelsorge aus der finanziellen und dienstrechtlichen Einbindung in die Bundeswehrverwaltung zu lösen und in die ausschließliche Verantwortung der Kirche zu übernehmen.

IV. Das Verhalten der Christen in der rechts- und sozialstaatlichen Demokratie

So spricht der Herr: Haltet das Recht und tut Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, daß es komme, und meine Gerechtigkeit, daß sie offenbar werden. Jes. 56,1.

...gesetzt zur seiner Rechten im Himmel über alle Fürstentümer, Gewalt, Macht und Herrschaft...Eph 1,20.

  1. Im Glauben an die Herrschaft Jesu Christi über alle Mächte und Gewalten erkennt die christliche Gemeinde die staatliche Rechts- und Friedensordnung als ein von Gott in seiner Gnade gebrauchtes Mittel zur Erhaltung des Lebens der Menschen, denen das Evangelium gepredigt werden soll bis zur Erscheinung des Herrn. Dieser Glaube befähigt und verpflichtet uns, das bei uns vorfindliche Angebot einer rechts- und sozialstaatlichen Demokratie anzunehmen, wie es im Entwurf für eine neue Schweizer Verfassung umschrieben ist: „Gewiß, daß nur frei bleibt, wer seine Freiheit gebraucht, und daß die Stärke des Volkes sich mißt am Wohl der Schwachen, eingedenk der Grenzen aller staatlichen Macht und der Pflicht, mitzuwirken am Frieden der Welt...“
  2. Eine solche Annahme ist keine Hinnahme des faktisch Vorhandenen in unbegrenzter Loyalität, sondern vollzieht sich im Sinne eines eschatologisch orientierten Rechts- und Staatsdenkens in einem zukunftsgerichteten Gestaltungsprozess. Darum „erinnert“ die Kirche an Gottes Verheißene Gerechtigkeit (Barmen V).

Wir wenden uns ab von ordnungstheologischen Spekulationen über ein auf Gewalt gegründetes „Wesen des Staates“. Im Blick auf die dem Reich Gottes vorbehaltene, vollkommene Gerechtigkeit kehren wir um aus blinder Anpassung Resignation oder Verweigerung. Christen gehören auf die Seite derer, welche sich um eine Überbrückung der stets vorhandenen Kluft zwischen Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit bemühen und welche die überkommenen Strukturelemente dieser Ordnung so fortentwickeln wollen, dass sie unter den veränderten Bedingungen und Aufgaben der Gegenwart funktionsfähig werden und bleiben.

  1. Diese zukunftsgerichtete Gestaltungsaufgabe schließt an die Bereitschaft,
  • einer obrigkeitlichen Verfälschung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen entgegenzuwirken,
  • angesichts der ohnehin geringen Teilhabe der Bürger an der Staatswillensbildung das Demonstrationsrecht zu achten,
  • verbesserte Entscheidungsverfahren für irreversible Entscheidungen im Grenzbereich des „Naturunrechts“ zu entwickeln,
  • die Ausnutzung wirtschaftlicher Macht ebenso zu bändigen wie staatliche Machtausübung und der Zerstörung der Schöpfung zu wehren,
  • das Sozialstaatangebot umzusetzen in ein solidarisch teilendes Miteinander mit den vielen, die in der Arbeitswelt ins Abseits gedrängt werden,
  • das Asylrecht unverkürzt zu wahren und für eine menschenwürdige Existenz der ausländischen Mitbürger einzutreten.