ulwi@uni-oldenburg.de / Tel.: 0441 / 798-2669, Fax: -5833
Gesellschaft für Evangelische Theologie (GET)

Öffentliche Erklärungen der Gesellschaft für evangelische Theologie (1982)

Den Frieden ausbreiten

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird und im Heiligen Geist mitten unter uns lebt, ist unser Friede (Eph 2,14). In ihm hat der ewige Gott die Welt mit sich versöhnt (2 Kor 5,19). Durch ihn wird er die Welt erlösen. Durch das Evangelium lässt er seinen Frieden unter uns ausrufen (Eph 6,15).

Es gibt keine Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht des Friedens Gottes gewiß sein können. Es gibt keine Konflikte unseres Lebens, weder persönliche noch politische, die dem Friedenswillen Gottes mit den Menschen und seiner ganzen Schöpfung entzogen wären. Es gibt keine Feinde, weder persönliche noch politische, dessen Gottes Friedenswille nicht gilt.

Gottes Frieden verhindert es, dass wir uns vor unseren Feinden sichern müssen, indem wir ihnen zu Feinden werden, dass wir ihrer Drohung mit Gegendrohung und ihrem Schrecken mit Abschreckung begegnen. Er bestimmt uns vielmehr dazu, dass wir unsere Feinde schöpferisch lieben, indem wir ihre Leiden verstehen, unsere eigene Position kritisch überdenken und uns auf alle Weise bemühen, ihre und unsere Feindschaft abzubauen. Feindesliebe ist ein Ausdruck der überlegenen Freiheit der Kinder Gottes und hat nicht mit Schwäche und Unterwerfung zu tun.

Von den modernen militärischen Massenvernichtungsmitteln geht nicht nur eine tödliche Gefahr für die Menschheit und alles Leben auf Erden aus. Sie bedrohen uns auch mit unermesslicher Schuld.

„Die Einbeziehung von Massenvernichtungsmitteln in den Gebrauch staatlicher Machtandrohung und Machtausübung kann nur in faktischer Verneinung des Willens des seiner Schöpfung und den Menschen gnädigen Gottes erfolgen. Ein solches Handeln ist christlich nicht vertretbar. Der Standpunkt der Neutralität in dieser von uns als Sünde erkannten Sache ist mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus unvereinbar.“ (Erklärung der Bruderschaften von 1958).

Wenn die Anwendung von Massenvernichtungsmitteln Sünde ist, dann kann auch der Besitz von Massenvernichtungsmitteln zum Zweck der Bedrohung und Abschreckung der Feinde christlich nicht gerechtfertigt werden. Weil diese Drohung nur wirksam ist, wenn man sie auch anzuwenden bereit ist, muß auch schon die Drohung mit Massenvernichtungsmitteln als Sünde angesehen werden.

Mit den modernen militärischen Massenvernichtungsmitteln ist die Grenze der politischen Verantwortbarkeit von Krieg und Drohung mit Krieg eindeutig überschritten. Jede kriegerische Drohung und Auseinandersetzung, die die Möglichkeit der Eskalation zum universalen Atomkrieg einschließt, ist unverantwortlich. Auch der heutige Abschreckungsfriede ist unverantwortlich.

Die geplante Steigerung der atomaren Rüstung bedroht uns alle noch mehr als bisher. Wir drängen darum auf sofortige und verbindliche Abrüstungsgespräche der Großmächte. Wir befürworten eine europäische Abrüstungskonferenz mit dem erklärten Ziel der Einrichtung einer von Massenvernichtungsmitteln freien Zone. Wir unterstützen eine graduelle Abrüstung auf dem Gebiet der konventionellen Rüstung und den umfassenden Aufbau von Zusammenarbeit in Europa und Asien, insbesondere auf dem Gebiet der weltwirtschaftlichen Gerechtigkeit.

Friedensdienst ist der Inhalt des Lebens in der Gemeinschaft Jesu Christi: Kirchliche Institutionen und Organisationen können diesen Friedensdienst der Christen nur fördern und gestalten. Der in den Gemeinden lebendige und von den Kirchenleitungen zu fördernde Friedensdienst sollte folgende Schwerpunkte haben:

  • Feindesliebe lernen: Kriege werden durch das Freund-Feind-Denken vorbereitet. Durch künstlich aufgemachte Feindbilder werden Ängste ausgenutzt und Aggressionen hervorgerufen. Durch psychologische Kriegführung werden Menschen und Völker zur Missachtung des Lebens gebracht und zum Töten mobilisiert. Das Gebot der Feindesliebe fordert, diese Feindbilder abzubauen und die durch sie erzeugten Ängste und Aggressionen zu überwinden. Wenn die Angst vor dem Feind zum Ratgeber der Politik gemacht wird, wird der Friede nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gefährdet. Die Loyalität der Bürger zu der von ihnen gewählten Regierung wird dann nicht mehr durch die Erfüllung des Regierungsauftrags gewonnen, sondern durch die Verbreitung von Angst, sei es vor Staatsfeinden, sei es davor, als solche zu gelten, erzwungen. Die Ausbreitung von psychischer Unruhe und öffentlichem Misstrauen sind die Folgen. Wer dagegen Frieden ausbreiten will, wird der Ausnutzung und Erzeugung von Ängsten in unserem Volk widerstehen.
  • Die wirklichen Gefahren erkennen und an ihrer Überwindung mitarbeiten: Während die Großmächte ihren Ost-West-Konflikt wiederaufnehmen und verstärken, verdrängen sie den viel gefährlicheren Nord-Süd Konflikt und die Gefahr der ökologischen Katastrophe aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die neue Aufrüstungspolitik geht zu Lasten der Hilfe für die Dritte Welt und führt zu ihrer weiteren Ausbeutung. Die Armen bezahlen schon heute für die Rüstung der Reichen. Schon heute kostet die Aufrüstung in Ost und West Menschen in der Dritten Welt das Leben. Schon heute werden Zeit, Intelligenz und Kapital für Massenvernichtungsmittel verschwendet und nicht zur Überwindung des Hungers in der Welt. Der Friedensdienst der Christen muß deshalb darin bestehen, den Nord-Süd-Konflikt wieder stärker in der öffentliche Bewusstsein zu bringen und mitten im Streit um Auf- und Nachrüstungen zum Anwalt der schweigenden und sterbenden Völker zu werden.
  • Eine Friedenskirche werden: Je mehr die Kirche von einer an den Staat gebundenen Kirche zu einer freien Kirche wird, desto klarer kann ihr Friedenszeugnis, und desto eindeutiger kann ihr Einsatz für den Frieden werden. Wir glauben, dass die Kirche Jesu Christi eine Friedenskirche ohne sektiererische Abgrenzung von der Welt werden kann. Sie wird zu einer Friedenskirche in dem Maße, wie sie Christus und zwar Christus allein als ihren und aller Welt Frieden bekennt und die notwendigen Konsequenzen aus diesem Bekenntnis zieht.